"Lügenpresse", "fake news" und die Welt als kollektiver Stammtisch

 

SWR-Studioleiterin Nicola Geck beim Festbankett der Siebenpfeiffer-Stiftung

 „… ob wir für die Welt was schaffen oder nur die Welt begaffen ...“: Als Michael Wack und Thomas Girard diese Zeilen aus dem „Bürgerlied“ vortrugen, kennzeichnete konzentrierte Nachdenklichkeit das Mienenspiel des Publikums. Die drei Reden, die beim Festbankett der Stadt Zweibrücken und der Siebenpfeiffer-Stiftung gehalten wurden, hatten in ihrer unisono kritischen Sicht auf die aktuelle politische Entwicklung aber auch so manche Sorgenfalte gefurcht. Kurt Pirmann, der Zweibrücker Oberbürgermeister, Dr. Theophil Gallo, der Landrat des Saarpfalz-Kreises und Vorsitzende der Siebenpfeiffer-Stiftung, sowie Nicola Geck, die Leiterin des SWR-Studios Kaiserslautern, machten in ihren Reden auch keinen Hehl aus ihrer Beunruhigung angesichts Trump und AfD, Medienbeschimpfung und gezielter „fake news“. Den gegenwärtigen Tendenzen die Stirn zu bieten und aktiv für Demokratie, Frieden und Medienfreiheit einzutreten und damit im Sinne Siebenpfeiffers aktiv zu werden, war letztlich das Signal, das vom Festbankett ausgesendet wurde.

 

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Damit stand die Veranstaltung, die seit langem noch einmal im bis auf den letzten Platz gefüllten Kundeninformationszentrum der Zweibrücker Stadtwerke stattfand, punktgenau in der Tradition des historischen Vorbilds. Auf den Tag genau vor 185 Jahren hatten sich im Bubenhausener Gasthaus Ladenberger die Pioniere für Demokratie und Freiheit versammelt, um ihre politischen Forderungen zu artikulieren. Demokratie, Presse- und Meinungsfreiheit waren die zentralen Themen, die Siebenpfeiffer, Wirth und Friedrich Schüler bei eben jenem Fest ansprachen. Deren Ziele seien zwischenzeitlich zwar Wirklichkeit, unterstrich Theophil Gallo: „Aber wir dürfen uns auf diesen Lorbeeren nicht ausruhen. Wir stecken in einer Krise, die das Erbe der Hambacher bedroht, ja die Demokratie schlechthin bedroht“, unterstrich der Stiftungsvorsitzende. Wenn Nationalisten und Rechtspopulisten „fröhliche Urständ' feiern“, wenn gezielt Desinformationen gestreut werden und für seriösen Journalismus das Etikett „Lügenpresse“ aus der untersten Schublade hervorgeholt werde, dann seien das Alarmsignale, „die uns wachrütteln müssen“, gemeinsam dagegen aufzustehen.

 

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Wir müssen uns immer vor Augen halten, dass die großen Krisen und Katastrophen des 20. Jahrhunderts stets mit Intoleranz, Ausgrenzung und Lügen begonnen haben, zog Oberbürgermeister Pirmann historische Parallelen und appellierte gleichzeitig dazu, den Rechtspopulisten die Stirn zu bieten. Die Welt sei zu klein, zu vernetzt, um nationalistisch zu denken. 70 Jahre Frieden im westlichen Europa dürften nicht leichtsinnig aufs Spiel gesetzt werden. Diese Errungenschaft sei keine Selbstverständlichkeit, sondern hart erkämpft. Das demokratische Bewusstsein zu schärfen und das Verantwortungsbewusstseins eines jeden dafür zu stärken seien die drängenden Aufgaben der Zeit.

 

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Nicola Geck, seit acht Jahren Chefin des SWR-Studios in Kaiserslautern, skizzierte detailliert die Methodik, mit der im digitalen Zeitalter Nachrichten verbreitet werden. „Erfundene Zeitungen berichten über erfundene Menschen und Ereignisse, die nie stattgefunden haben“. Diese sogenannten „fake news“ verbreiten sich via facebook und andere „soziale“ Netzwerke in Sekundenschnelle über den ganzen Erdball. „Insofern leben wir tatsächlich in einem postfaktischen Zeitalter“, resümierte sie; Facebook und Co. verglich sie mit einem „kollektiven Stammtisch“, an dem gelogen werde, „dass sich die Balken biegen“. Paradoxerweise seien es aber die seriösen Medien, die sich dem Vorwurf der „Lügenpresse“ ausgesetzt sehen. Dieser Vorwurf sei nicht neu, schon im Ersten Weltkrieg, in Nazi-Deutschland und im Zweiten Weltkrieg sowie in der DDR sei er hervorgekramt worden. „Machen wir uns nichts vor: Diejenigen, die das Wort in den Mund nehmen, wollen nichts anderes als die Abschaffung der Pressefreiheit“, betonte Geck. Für Journalisten, dem eigenen Ethik-Codex verpflichtet, werde es zusehends schwieriger, den Wahrheitsgehalt zu prüfen, zu filtern, zu recherchieren, was Tatsache ist und was gelogen. „Aber wir müssen uns dieser Aufgabe stellen, und zwar in allen Formaten von der Zeitung bis zum Internet“. Seriöse Arbeit der Journalisten und Pressefreiheit seien auf Gedeih und Verderb miteinander verzahnt.

 

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Lieder aus dem Vormärz, als in Deutschland noch für Demokratie und Freiheit gekämpft wurde, umrahmten das Festbankett – zu guter Letzt wurde gemeinsam „Die Gedanken sind frei“ intoniert.        Martin Baus