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11. Siebenpfeiffer-Preis PDF Drucken E-Mail

Günter Wallraff - „Ein Till Eulenspiegel der heutigen Zeit!“

Siebenpfeiffer-Preis im vollbesetzten Saalbau in Homburg verliehen

von Martin Baus 

Ich fühle mich wirklich geehrt. Normalerweise ist es ja so, dass ich wegen meiner Arbeit verunglimpft werde und ich mich rechtfertigen oder verteidigen muss. Dass ich dafür gelobt werde und einen Preis bekomme, ist eine große Ausnahme“: In eher ungewohnter Rolle fand sich Günter Wallraff also wieder, als ihm jetzt der Siebenpfeiffer-Preis verliehen wurde. Noch nie hatte diese Auszeichnung, die 1987 aus der Taufe gehoben wurde, größeres Interesse gefunden als bei der nunmehr elften Vergabe. Der Homburger Saalbau präsentierte sich prall gefüllt zu Ehren Wallraffs.

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Preisträger: Günter Wallraff

 "Maskieren, um Zustände zu demaskieren"     Der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden war der Enthüllungsjournalist 1977 mit seinem Buch „Der Aufmacher“. Unter dem Decknamen „Hans Esser“ hatte er in der Redaktion der „Bild“-Zeitung mitgearbeitet, um die unseriösen Praktiken des Blattes öffentlich zu machen. Wallraff selbst bezeichnet seine Arbeitsweise als „Maskerade mit dem Ziel, die Gesellschaft zu demaskieren“. In seinem größten Bucherfolg mit dem Titel „Ganz unten“ hatte er 1985 - verkleidet als türkischer Gastarbeiter - die Ausbeutung eines türkischen Gastarbeiters in der deutschen Industrie dokumentiert. Karl Geibel, langjähriger Vorsitzender des Journalistenverbandes Baden- Württemberg, begründete als Mitglied der Jury die Vergabe des Siebenpfeiffer-Preises an Wallraff: „Mit seinen publizistischen Dokumentationen verschafft  Wallraff den ansonsten Wehr- und Hilflosen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Trotz zahlreicher Anfeindungen, Verunglimpfungen und Gerichtsprozesse engagiert er sich für die Menschenwürde derer, die in unserer von Wirtschafts- und Finanzkraft gerüttelten Gesellschaft zu den Verlierern zählen.“

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Begründung der Jury: Karl Geibel 

"Wallraff zeigt Mitleid mit der geschundenen Kreatur"        Auf einen „bizarren Streit“ machte der Journalist und Buchautor Willi Winkler in seiner Laudatio auf den Preisträger aufmerksam – nämlich auf den Disput darüber, „von welchem Buch schneller eine Million Exemplare verkauft wurden – Wallraffs ‚Ganz unten‘ oder Thilo Sarrazins ‚Deutschland schafft sich ab‘“. Winkler: „Zwischen diesen beiden Büchern liegen nicht nur 25 Jahre, sondern ganze Welten. Ihr jeweiliger Erfolg zeigt, dass sich das Interesse zumindest der lesenden Öffentlichkeit völlig verändert hat. 1985 konnte Wallraff mit seinen am eigenen Leib gemachten Erfahrungen zeigen, wie die sogenannten Gastarbeiter ausgebeutet werden. Bei Sarrazin sind aus Gastarbeitern Sozialschmarotzer geworden, die bei uns nichts verloren haben." Sarrazin schreibe über Millionen Menschen, mit denen er nichts zu tun habe, von denen er nichts wisse und die er nicht kenne, auf deren Kosten er als Banker es sich aber sehr gut gehen lasse. Bei Wallraff hingegen lese sich das anders, denn bei ihm gebe es etwas, was Sarrazin nicht im Traum einfallen würde: „Mitleid mit der geschundenen Kreatur.“

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Laudatio: Willi Winkler

"Wallraff war sich nie zu schade"      Dieses Mitleid ziehe sich schnurgerade durch das Lebenswerk Wallraffs, der sich in den 1970er und -80er Jahren in regelmäßigen Abständen mit der Justiz in Konflikt sah. Von den mächtigsten Gegnern sei er vor den Kadi gezerrt worden: Ob Springer-Presse, Gerling-Konzern, Thyssen, McDonald‘s oder die katholische Kirche, die Gerichte - "Günter Wallraff hat sich nie einschüchtern lassen. Er hat unter Einsatz seines Körpers, mit einer angemaßten Identität gegen die Großen gekämpft und er ist zu seinem, zu unserem Glück zumeist als Sieger vom Schlachtfeld gegangen Die juristischen Schlachten, die die Ausbeuter und Menschenschinder gegen ihn ausfochten, hat Wallraff fast alle gewonnen – ein Till Eulenspiegel der heutigen Zeit“, skizzierte Winkler. Wallraff friere unter Brücken mit den Obdachlosen, lasse sich mit schwarzer Farbe im Gesicht vor dem Cottbusser Fußballstadion von Neonazis bedrohen und habe schon in den 1970er Jahren in Griechenland gegen die Obristen-Diktatur protestiert, als deutsche Spitzenpolitiker und Wirtschaftsbosse „die geordneten Verhältnisse einer Militärdiktatur sehr zu schätzen wussten“, wie Willi Winkler ausdrücklich betonte. Der unbeugsame Mut, den Wallraff immer wieder gegen jede Art von Obrigkeit und Macht an den Tag lege, stelle ihn mit Fug und Recht in die Tradition des standhaften Demokraten Philipp Jakob Siebenpfeiffer, des Namensgebers der Stiftung und des von ihr verliehenen Preises. Winkler zog zudem Verbindungslinien zu dem Konzeptkünstler Joseph Beuys und dem Schriftsteller Heinrich Böll her, die als Rheinländer wie Wallraff sich immer wieder politisch eingemischt hätten.

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Volles Haus bei der Verleihung des Siebenpfeiffer-Preises

Wallraff kommt zur "Schultournee" in die Saarpfalz        Clemens Lindemann, der Vorsitzende der Siebenpfeiffer-Stiftung, hatte in seiner Begrüßung auf deren jüngste Aktivitäten und die in der nächsten Zeit anstehenden Projekte hingewiesen. So stehe das Thema „Zensur“, und zwar in ihrer europäischen Dimension, im Mittelpunkt eines wissenschaftlichen Kolloquiums im kommenden Frühjahr. Nachdem die beiden Städte Homburg und Zweibrücken unter der Regie der Siebenpfeiffer-Stiftung zur „Straße der Demokratie“ gehören, sei im nächsten Schritt nun ein „Routenbegleiter“ mit regionaler Ausrichtung in Vorbereitung. Zudem habe sich Günter Wallraff bereit erklärt, in Zusammenarbeit mit der Siebenpfeiffer-Stiftung Schulen in der Region zu besuchen und mit Schülern über seine Arbeit und die dahinter stehenden Probleme zu diskutieren. Der Preisträger selbst kündigte an, die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung in sein Nachwuchsprojekt fließen zu lassen: Jüngeren Kollegen das Rüstzeug an die Hand zu geben, mit dem sie eines Tages selbst „undercover“ in Rollen schlüpfen können, die er selbst aus Altersgründen nicht mehr übernehmen könne, sei die Aufgabe seiner Stiftung.

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Begrüßung: Landrat Clemens Lindemann 

"Wallraffen" ohne größere Risiken       Statt der gewohnten Dankesrede des Preisträgers gab es dieses Mal auf offener Bühne ein Interview. Norbert Klein, Fernseh-Chefredakteur des Saarländischen Rundfunks, stellte Günter Wallraff Fragen zu seiner Arbeit und den damit verbundenen Risiken, aber auch zu seiner Überzeugung. In keiner seiner bisherigen Maskeraden, sei es als Redakteur der „Bild“-Zeitung, sei es als Türke Ali, als Brötchenbäcker oder jüngst als Somalier Kwami Ogonno, riskiere er wirklich sein Leben - „auch wenn es manchmal schon brenzlig wird“. Dann bekannte der Preisträger öffentlich und "ohne Wenn und Aber" Farbe: Islamismus sei eine nicht zu leugnende Bedrohung für die Freiheit hierzulande. Wallraff weiter: „Mit Unternehmern und Firmenchefs kann ich meine Späße ziemlich ungeniert treiben, das ist für mich persönlich mit geringen Risiken verbunden. Die einzige Drangsal, die mir droht, sind Gerichte, und bisher habe ich vor Gerichten so gut wie immer Recht bekommen." Das sehe bei religiösen Eiferern ganz anders aus, von ihnen gehe auch für ihn selbst eine ganz reale Gefahr aus: „Mit fanatischen Islamisten ist nicht zu spaßen“, meinte Günter Wallraff.

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Interview: Günter Wallraff und Norbert Klein 

Sonderpreis für Susanne Babila        Zusammen mit  Wallraff stand Susanne Babila auf der Bühne im Homburger Saalbau. Die Journalistin in Diensten des Südwestrundfunks (SWR) stellt Themen wie Migration, Asyl und interkulturelle Fragen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Sie erhielt von der Siebenpfeiffer-Stiftung einen Sonderpreis. Unter anderem hatte sie sich in Ruanda, dem afrikanischen Partnerland von Rheinland-Pfalz, an „heiße Eisen“ herangewagt. „Susanne Babila ist in diesen Tagen aus Ruanda zurückgekehrt“, informierte Jury-Mitglied Karl Geibel bei der Preisverleihung: „Ihre Recherchen werden uns in Deutschland sehr betroffen machen, wenn sie hier Anfang 2011 ausgestrahlt werden. In Deutschland leben kongolesische Drahtzieher, die den Krieg im Kongo steuern. Deutschland gehört zu den wichtigsten Entwicklungspartnern Ruandas und ist einer der führenden Nutzer der Rohstoffe aus diesem afrikanischen Land.“ Die Hörfunk- und Fernsehjournalistin richtete mit ihrer ARD-Dokumentation „Türkische Hochzeitsreisende – Familienehre vor Liebe“ den Focus auf Zwangshochzeiten, für die junge Türkinnen in Deutschland aus ihren vertrauten Lebensverhältnissen gerissen und in ein für sie fremdes Land zu fremden Leuten gebracht werden. Auch dieser mutige Beitrag, so Karl Geibel, sei ein Stück Journalismus im Geiste Siebenpfeiffers: „Der Preis der Freiheit ist die Wachsamkeit. Sie darf auch dort nicht ausgeschaltet werden, wo ausländische Mitbürger unter ein Reglement gestellt sind, das vermeintlich religiös ist, aber in Wirklichkeit aus dumpfer Vorzeit stammende Herrschaftsregeln von Clans in der Neuzeit darstellt.“ Susanne Babilas Fernsehbericht habe "dieses Thema aufgeklärt und dem Gewaber von Unwissenheit und Vorverurteilungen entzogen“, erläuterte Geibel. Es sei gerade diese Dokumentation gewesen, auf deren Wirkung hin die Bundesregierung die Zwangsheirat als neuen Straftatbestand per Gesetz in Deutschland verboten habe.  

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Preisverleihung:

Clemens Lindemann (l.) und Karl Geibel (r.)

mit Günter Wallraff und Susanne Babila  

"Zigeunermusik"und "Die Gedanken sind frei" mit Mario Triska      Für die musikalische Umrahmung der Preisverleihung sorgte sehr eindrucksvoll Mario Triska. Der Geiger, dessen familiäre Wurzeln wie die aller Sinti in Indien zu suchen sind, wurde von Clemens Lindemann vorgestellt. Der Vorsitzende der Siebenpfeiffer-Stiftung zitierte dazu Triskas eigene Homepage: „Wahrsager, Musiker, Geigenbauer, Künstler, Artisten und Lebenskünstler, hemmungslose Alkoholiker, Verwirrte, Entwurzelte, auch edle charakterstarke charismatische Menschen mit viel Freude und tiefer Sehnsucht im Herzen“ gehören demnach zu seinen Vorfahren. Der Musiker aus Aachen, der auch schon bei der Verleihung des Karlspreises an den ungarischen Schriftsteller György Konrad 2001 aufgetreten war, brachte ganz authentisch „Zigeunerlieder“ zu Gehör. Auch das „Lied vom traurigen Sonntag“, das 1933 von dem ungarischen Pianisten Reszö Seress komponiert und insbesondere durch den Film „Ein Lied von Liebe und Tod“ bekannt geworden war, interpretierte Triska sehr sensibel. Zum Abschluss der Preisverleihung wurde der Tradition entsprechend „Die Gedanken sind frei“ intoniert. Mario Triska an der Geige und Paul O. Krick am Klavier gaben dazu den Ton vor, das Publikum stimmte ein.

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"Zigeunermusik": Mario Triska

Fotos: Martin Baus (6), Udo Steigner (1)

 
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